„ Die Wurzel trägt dich …“ - Gedanken


Liebe Gemeinde,

 

wie geht es Ihnen, wenn Sie ihren Stammbaum anschauen? Kommen da gute Erinnerungen, Freude im Herzen auf? Oder gibt es auch eine Reihe trauriger Ereignisse, Enttäuschungen, die uns dazu bringen Erlebtes vergessen machen zu wollen? Sicher ist von Beidem eine Reihe an Begebenheiten dabei. Auch wir Christen haben einen (geistlichen) Stammbaum oder Herkunft, die von beidem erzählt und in gewisser Weise wie vergessen wurde.

Ich spreche von der jüdischen Wurzel, die im Christentum steckt. Im Johannesevangelium heißt es: „Das Heil kommt von den Juden.“ (Johannes 4,22) Jesus Christus war Jude. Der Ursprung unseres christlichen Glaubens entstand aus dem Judentum und ist mit den 10 Geboten, seiner Ethik und seinen Werten eng an Tradition und Überzeugungen der Juden angelehnt. Deshalb schreibt der Apostel Paulus: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“ Damit verdeutlicht er, dass die Kirche und das Christentum aus dem Judentum entstanden ist und nicht umgekehrt. Das wurde leider besonders in der Nazizeit auch versucht umzudrehen und zu verwischen. Unter dem Stichwort „Ersatztheologie“ wird dieses komplexe Geschehen zusammengefasst.

Deutschland feiert in diesem Jahr 1700 Jahre deutsch-jüdisches Leben. Seit 1700 Jahren wohnen, leben, leiden Menschen jüdischer Herkunft in unserem Land.

Einige Persönlichkeiten seien genannt: Walther Rathenau, ehemaliger Reichsaußenminister, der Komponist Felix Mendelsohn Bartholdy, das Genie Albert Einstein, der Schriftsteller Heinrich Heine, der Maler Max Liebermann.

All diese Menschen und noch viele mehr haben unser Land, die Kultur in Deutschland und seinen Ruf mit geprägt und ausgemacht. Dennoch kam es immer wieder zu Verfolgungen, Ausgrenzungen, Diskriminierungen und Vertreibungen.

Ganz zu schweigen vom Holocaust. Aktuell bombardieren palästinensische Radikale Israel mit tausenden Raketen und Anschlägen. Israel, das wie jedes Land das Recht auf Selbst -Verteidigung hat, schlägt zurück. Stimmen wie: „Kinder und Frauenmörder Israel“ und schlimmere Parolen finden auf Anti-Israelische Kundgebungen auf deutschen Straßen Raum. Politiker sind entsetzt. Nüchterne

Betrachter sagen, es macht die angespannte Lage für Juden in unserem Land nur sichtbar. Wir als Christen – so würde ich ohne Wertung behaupten - haben den Kontakt zu unseren jüdischen Glaubenswurzeln eher verloren. Oder aus Scham möchte man dieses Kapitel der deutschen Geschichte lieber vergessen.

Niemand behauptet, dass Israel immer alles richtig macht. Aber die Bibel ist sehr klar in seinen Worten, wie wir als Christen mit unserem älteren Bruder umgehen sollen. In Sacharja 2,12 steht: „Wer euch (Israel) antastet, der tastet meinen Augapfel an.“ Spruch des Herrn. Liebe zu Israel kann man nicht befehlen. Gerade weil uns hier auf dem Land oft die Möglichkeit zur Begegnung im Alltag fehlt.

Das sieht in den großen Städten anders aus. Aber für Israel zu beten, antijüdische Parolen im Alltag nicht unkommentiert zu lassen und uns im Sinne der Bibel für Schwache und Bedrängte einzusetzen, da sollten wir nicht passiv sein im Blick auf das, was gerade passiert. Das kann uns selbst Bedrohungen, Anfeindung einbringen. Aber ich glaube die deutsch jüdische Geschichte bringt

eine Verpflichtung mit sich, hier nicht (wieder) neutral zu sein.

Denn die Verheißung Gottes an Abraham und seine Nachkommen gilt immer noch:

„Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ (1. Mose 12,2)

 

Es grüßt Sie und Euch (im Blick auf das Thema ein nachdenklicher)

                                                                                                                                             Thomas Stiehl