An(ge)dacht


     »Athos« – das war für mich immer ein Musketier. Was denn sonst?

Wie gerne habe ich als Kind die Musketiere von Alexandre Dumas

gelesen und entsprechende Filme gesehen! Dass »Athos« noch etwas

anderes meinen könnte, wurde mir erst später bewusst: als ich erfuhr,

dass das Byzantinische Reich zwar 1453 untergegangen ist, aber ein

winziger Teil desselben bis heute überlebt hat – in Gestalt der Mönchsrepublik

Athos in Griechenland.

 

    Dort versuchen über 2000 Mönche in Abgeschiedenheit zu leben.

Es waren mal viel mehr – und auch schon viel weniger – und derzeit

werden es wieder mehr. Es ist eine Männerwelt – Frauen ist der Zutritt

zum Athos untersagt. Und man darf nur als Pilger kommen, nicht als

Tourist. Das für sich selbst einzuhalten ist eine Gratwanderung. Und

noch dazu: der Zutritt ist reglementiert, damit die Pilgerströme nicht

zu groß werden und den Mönchen die geistliche Ruhe erhalten bleibt.

 

    Ich bin gespannt, ob ich die besondere Art der geistlichen Ruhe

dort finden werde. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass man etwas von

dem Licht schaut, was die Jünger bei der Verklärung Christi auf dem

Berg Tabor gesehen haben. So jedenfalls sehen es die Athos-Mönche,

die natürlich allesamt orthodox sind. Aber eine knappe Woche ist auch

nicht so besonders viel, um mal so eben schnell etwas von »geistlicher

Ruhe zu erhaschen«. Gottes Zeitplan ist ein anderer als mein Terminkalender,

und um zur Ruhe zu kommen bräuchte es wohl mehr Zeit.

Auch bräuchte es Mit-Pilger, die ebenfalls nach Ruhe Sehnsucht haben,

dazu einen Gruppenleiter, der diese Ruhe ebenfalls respektiert, und

Reise Umstände, die Ruhe ermöglichen.

 

    Vielleicht fügt es sich so, vielleicht auch nicht. Vielleicht reicht es

ja auch, eine knappe Woche keine Bundesstraße vor der Tür zu haben,

kein Telefon zu haben, keine Mails zu lesen, keine Chatnachrichten zu

bekommen, um wenigstens ein bisschen ganz normale Ruhe zu erleben.

Da ist man zwar geistlich noch lange nicht auf dem Weg, aber es

wäre ein Anfang. Ich werde sehen.

 

    Man muss aber auch gar nicht so weit reisen, um Gott zu begegnen.

Er ist uns in der Regel viel näher, als wir denken. Von der Welt zu

fliehen bedeutet auch, sich von dem zu entfernen, was Gott so sehr

geliebt hat, dass er seinen eigenen Sohn gab (Joh 3,16), um sie zu erlösen.

Man kann Gott auch hier begegnen. Von allen Seiten umgibt er uns

und hält seine Hand über uns.

 

    Dennoch bin ich gespannt wie selten zuvor, wenn es woanders hin

geht. Und es ist gut, dass es Athos gibt. Auf der großen Welt muss Platz

dafür sein.

 

Ihr Pfarrer Sebastian Schurig