An(ge)dacht


Die ganz kleine Quelle

Es war einmal und es ist irgendwann. Und es geschieht genau zu dieser Zeit.

Da war ein Land von Dürre ausgezehrt. Kein Regen. Nicht ein Wölkchen weit und breit.

Zuerst das Gras, das alles Grün verlor. Es wurde grau und dann zerfiel‘s wie Staub. Die Büsche dürr, die heulten noch im Wind. Die Bäume warfen ab ihr junges Laub. Tiere schleppten sich von hinnen, um der Wüste zu entrinnen. Wenige entkamen. Viele fanden frühen Tod.

Die Brunnen leer. Die Quellen längst versiegt. Nur heiße Steine, wo der Fluss

verlief. Ein alter Baum stand trotzig bis zuletzt. Mit starken Wurzeln, unermesslich tief.

Die Trockenheit griff ihm schon an das Herz. Die Sonne brannte und sein Tod war nah. Doch was war das: In seinem Schatten stand noch eine Blume wie ein Wunder da. Eine kleine Quelle eben hielt die Blume noch am Leben, weil sie ein paar kümmerliche Wassertropfen fand.

Die Quelle sah das Elend ringsumher und wie die Dürre alles Leben nahm. Wozu

sich um die letzte Blume müh‘n. Sie spürte schon, wie sie ins Stocken kam.

Sie sprach verzagt: „Mein Tun hat keinen Sinn! Ich halte doch die Wüste nicht

mehr auf.“ Der alte Baum, der schon im Sterben lag, entgegnete der Quelle schnell darauf:

„Du, versprich mir auf der Stelle, müh dich weiter, kleine Quelle! Gib dich nicht,

auch wenn es schwer ist, der Verzweiflung hin.

Du sollst nicht die Wüste wässern, nicht die ganze Welt verbessern, nur die eine

Blume tränken. Darin liegt dein Sinn!“

                                                                                                     Gerhard Schöne (nach einem afrikanischen Märchen)