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                        Befreiung

Das Bein muss ab!“ Eines Tages stand der Entschluss für Inga Orlowski fest. Zu lange hatte sie im Rollstuhl gesessen, mit einem gesunden, beweglichen und einem steifen Bein. Nur eine – freiwillige –

Amputation konnte sie daraus wieder befreien.

Ein Kreuzbandriss hatte am Anfang ihres Leidensweges gestanden. Eine misslungene Operation führte zu immer neuen Eingriffen – insgesamt 30 – mit zahlreichen Komplikationen. Sie reichten von der Sehnenentzündung bis zur lebensbedrohlichen Sepsis. Eine Zeit war Inga Orlowski ein einziges Bündel

des Schmerzes. Bekam Morphium. Das ging vorüber. Aber eines blieb, mit Mitte 20 – die Perspektive: Rollstuhl, lebenslänglich.

Als Inga Orlowski dachte, sie würde an Blutvergiftung sterben, war sie schon einmal am Limit. Stand innerlich an einem Scheideweg und machte ihn zu einem Wendepunkt – hin zum Leben. Sie begann Rollstuhlsport zu treiben, gehörte bald zum Nationalteam der Basketballer, nahm 2003 an den Europameisterschaften und 2004 an den Paralympics teil. Ging wieder arbeiten, wurde verbeamtet, begann eine Ausbildung zur Amtsanwältin. Baute ein Haus. Sah Menschen draußen Fahrrad fahren und über die Wiesen und Felder laufen, wenn sie im Rollstuhl mit ihrer Begleithündin unterwegs war.

Und dachte: Das will ich auch wieder.

Der einzige Weg dorthin: „Das Bein muss ab!“ Mit einer Prothese würde sie wieder laufen können. Eine klare Entscheidung, aber in medizinethischer Hinsicht kompliziert. Der Arzt macht zur Bedingung, dass Inga Orlowski zuvor die Ethik-Kommission der Klinik überzeugen müsse. Sie überzeugte. Es war ein Befreiungsschlag. Der Anfang war nicht leicht. Doch nun läuft Inga Orlowski jeden Tag, über die Wiesen und Felder, querfeldein. Mit Prothese. Fährt Rennrad mit Spezialpedal. Fährt Ski, einbeinig. Sitzt im Boot und rudert.

Aus dem Rollstuhl ist sie auferstanden.

 

Kai-Uwe Scholz, auf der Grundlage eines Artikels von Andrea Jeska („Die Auferstehung“

 

aus: Die Zeit Nr. 17/2014, 16.04.2014)